Das Eigene ist fremd!
Der Andere
Du erscheinst mir fremd – anders als ich zu sein. Ich kann nicht Du sein, nicht deine Gedanken und Gefühle erleben. Ich sehe, ertaste, schmecke dich – ich rede mit dir – doch dein Inneres bleibt mir verschlossen. Alles geht von mir aus, durch meine Augen und Ohren. Ich werde mich nicht los – ich bin mit mir ewig verbunden. Ich kann nur sagen, dass ich weiß, wie das Schokoladeneis schmeckt, aber nicht wie dir das Schokoladeneis schmeckt und ich werde es nie direkt erfahren, da Ich nicht Du bin. Was bist Du? Ich erkenne nur, dass du Du bist – so bist du mir zugänglich – von Außen. Ich weiß, dass ich Ich bin. Aber seit der Matrix bin ich mir bei Dir nicht mehr so sicher. Bist du so wie ich oder passiert alles nur in meinem Kopf. Ich weiß auch nicht, ob du bist oder du ein Bewusstsein hasst. Ich weiß wiederum auch nicht, ob ein Baum oder ein Stein existiert. Sind sie bewusst auf einer Art und Weise, die sich meiner Wahrnehmung entziehen? Was ist Bewusstsein und wo fängt es an? Ich möchte aus diesem Abschnitt festhalten, dass der “Andere” uns fremd ist. Ich kann ihn nicht wirklich verstehen. Im Alltag nutze ich enorm viele Vorurteile, Vermutungen, Konventionen und Unterstellungen, um mit dem Fremden umzugehen. Oft führt dies zu Missverständnissen. Ich projeziere mein Ich in das Du und meine, den Anderen einschätzen oder sogar verstehen zu können.
Das Fremde existiert und ich verstehe den Anderen oft falsch. Das muss mir bewusst sein. Wir sind nicht gleich. Ein Gleichsein der Menschen, ein einfaches Verstehen des Anderen, ein Nichtvorhandensein des radikal Fremden, wie z.B. bei den Nazis, führt schnell zu Problemen. Aber auch das in der Moderne vorhandene Prinzip des autonomen Individuums, dass ohne das Fremde klar komme, sollte bezweifelt werden.
Das Eigene
Du fremdes Wesen, was ist nun mit mir? Ich bin Ich, ich bin mir Eigen, ich versteh mich, oder? Jeder junge Mensch passt sich anderen Identitäten an – besitzt noch kein einheitliches Ich. Mama, Papa oder der Sandkastenspielfreund müssen erstmal für seine Identität herhalten. Also hat das Du vorallem in den ersten Jahren mich erstmal geprägt. Das Eigene hat also seine Wurzeln im Anderen. Auch werde ich ständig vom Fremden beeinflusst und gelenkt. Habe ich überhaupt die Wahl? Was bleibt nun übrig, wenn ich das Fremde vom Eigenen abziehe. Selbst die Sprache ist nicht meine Sprache. Wenn ich mich beschreibe – muss ich damit schließen, dass ich mein Ich nicht über eine fremde Sprache artikulieren kann. Ich bin das, was ich euch nicht erzählt habe. Folglich könnte das Fehlende in der sprachlichen Beschreibung das Eigene sein
Quellen:
- durchgängig: Seminar zum Thema Alterität, Autorität und Anerkennung bei Michael Wimmer im SoSe 2010 an der Uni Hamburg
- Der Andere: Nagel, Th.: Das Fremdpsychische. In: Was beduetet das alles? Stuttgart 1990, 18-24
- Das Eigene: Schmidgen,H: Einbildung und Ausführung. In Paragrana. Internationale Zf. f. Historische Anthropologie, Band 6, 1997, H.1: Selbstfremdheit, hg. v. D.Kamper.
